Incom ist die Kommunikations-Plattform der Fachhochschule Potsdam

In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre

Incom ist die Kommunikations-Plattform der Fachhochschule Potsdam mehr erfahren

VERGISSMEINNICHT

Wie verändern digitale Nachlässe und die damit dauerhaft verfügbaren und technisch verwaltbaren Erinnerungen die kulturelle Bedeutung des Todes?

How do digital legacies—and the memories associated with them that remain permanently available and technically manageable—alter the cultural significance of death?

Abstract Deutsch

„Who wants to live forever?„ – so singt Freddie Mercury in seinem gleichnamigen Song und beschreibt dabei das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, einen Moment für immer festzuhalten, und dem Wissen, dass eben dieser Moment erst durch seine Vergänglichkeit an Bedeutung gewinnt. Doch Momente sind heute längst nicht mehr nur vergänglich. Mit dem rasanten technologischen Fortschritt ist es einfacher denn je geworden, einzelne Augenblicke dauerhaft zu speichern, abrufbar zu machen und erneut erlebbar werden zu lassen.

Digitale Bilder, Texte, Kommunikationsverläufe und Metadaten entstehen kontinuierlich und formen umfangreiche digitale Spuren unseres Daseins – sogenannte digitale Nachlässe. Diese Spuren werden auch lange nach unserem Ableben noch verfügbar und abrufbar sein und bringen so neue Dimensionen in die Erinnerungskultur, die nicht nur unser Verhältnis zum Leben selbst, sondern zunehmend auch unser Verhältnis zum Tod und zu dem, was nach ihm bleibt, beeinflussen.

Der Umgang mit dem Tod ist prägender Bestandteil jeder Kultur und ist mit unterschiedlichen Riten, Praktiken und Jenseitsvorstellungen verbunden. Was die meisten Kulturen gemein haben, ist eine klare Trennung zwischen Lebenden und Toten. Im digitalen Zeitalter scheinen sich diese Grenzen allmählich zu verschieben. Durch soziale Profile, Chatverläufe und digitale Archive bleiben Verstorbene nicht nur erinnerbar, sondern weiterhin sichtbar, auffindbar und in gewisser Weise adressierbar – als digitale Geister, die weder ganz verschwunden noch wirklich da sind. Mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz entsteht daraus bereits heute die Möglichkeit sogenannter Deadbots und Avatare, die Verstorbene in simulierter Form weiterleben lassen.

Die Arbeit geht der Frage nach, wie digitale Nachlässe und die damit dauerhaft verfügbaren und technisch verwaltbaren Erinnerungen die kulturelle Bedeutung des Todes verändern. Der theoretische Teil untersucht zunächst anhand von Theorien des Erinnerns – insbesondere von Maurice Halbwachs sowie Jan und Aleida Assmann – wie Tod und Erinnerung vor der Digitalisierung in soziale, materielle und kulturelle Ordnungen eingebettet waren. Darauf aufbauend wird analysiert, wie digitale Nachlässe, soziale Plattformen und neuere Anwendungen wie Deadbots oder Avatare die Bedingungen postmortaler Präsenz grundlegend verschieben. Eine abschließende Diskussion führt beide Stränge zusammen und zeigt, wie digitale Nachlässe nicht nur neue Speicherorte oder Trauerpraktiken bereitstellen, sondern die Logik der Erinnerung selbst und damit ein kulturelles Grundverhältnis verändern.

Der praktische Teil übersetzt diese Erkenntnisse in ein spekulatives Designprojekt. Anstatt Lösungen anzubieten, entwirft es eine fiktive Gegenwart, in der Systeme digitaler Weiterexistenz gesellschaftlich etabliert sind – und macht so die diskutierten Spannungsfelder erfahrbar. In sieben Szenarien werden alltägliche, familiäre und institutionelle Situationen gezeigt, die unter dem Einfluss dieser Systeme entstehen. Die daraus resultierenden Artefakte werden in einer scrollbasierten Website zu einem zusammenhängenden narrativen System verbunden. Ziel ist es, die Widersprüche zwischen Erinnerung und Simulation, Trost und Schmerz, Endgültigkeit und Verfügbarkeit nicht nur zu benennen, sondern spürbar zu machen – und damit neue Perspektiven auf den kulturellen Umgang mit Tod und Erinnerung zu eröffnen.

Abstract English

„Who wants to live forever?“ – so sings Freddie Mercury in his eponymous song, capturing the tension between the desire to hold onto a moment forever and the knowledge that it is precisely its transience that gives it meaning. Yet moments are no longer simply ephemeral. With rapid technological progress, it has become easier than ever to permanently store individual instants, make them retrievable, and re-experience them at will.

Digital images, texts, communication histories, and metadata are continuously generated, forming extensive digital traces of our existence – what can be understood as digital legacies. These traces will remain accessible long after our deaths, bringing new dimensions to memorial culture that increasingly shape not only our relationship to life itself, but also to death and what remains after it.

How death is approached is a defining element of every culture, bound up with various rites, practices, and beliefs about the afterlife. What most cultures share, however, is a clear separation between the living and the dead. In the digital age, these boundaries appear to be gradually eroding. Through social profiles, chat histories, and digital archives, the deceased remain not only memorable but continuously visible, findable, and in some sense addressable – as digital ghosts that have neither entirely disappeared nor are truly present. With the application of artificial intelligence, this development has already given rise to so-called deadbots and avatars that allow the deceased to continue existing in simulated form.

This thesis investigates how digital legacies and the permanently available, technically manageable memories they contain are changing the cultural significance of death. The theoretical section first examines – drawing on memory theories by Maurice Halbwachs and Jan and Aleida Assmann – how death and memory were embedded in social, material, and cultural orders before digitalization. Building on this, the thesis analyses how digital legacies, social platforms, and newer applications such as deadbots or avatars are fundamentally shifting the conditions of post-mortem presence. A concluding discussion brings both strands together and demonstrates how digital legacies do not merely provide new storage sites or mourning practices, but alter the very logic of remembrance and thereby a foundational cultural relationship.

The practical section translates these findings into a speculative design project. Rather than offering solutions, it constructs a fictional present in which digital continuation systems have become socially established – making the tensions discussed throughout the thesis experienceable. Seven scenarios portray everyday, familial, and institutional situations that arise under the influence of these systems. The resulting artifacts are brought together in a scroll-based website as a coherent narrative whole. The aim is not merely to name the contradictions between memory and simulation, comfort and pain, finality and availability, but to make them felt – opening new perspectives on the cultural transformation in our understanding of death and remembrance.

0.png0.png
10.png10.png
6.png6.png
1.png1.png
2.png2.png
4.png4.png
7.png7.png
5.png5.png
8.png8.png
9.png9.png

260616_Vergissmeinnicht_Ben Raisic.pdf PDF 260616_Vergissmeinnicht_Ben Raisic.pdf

Ein Projekt von

Fachgruppe

Kommunikationsdesign

Art des Projekts

Bachelorarbeit

Betreuer_in

foto: Prof. Dr. Helga Schmid foto: Prof. Susanne Stahl

Zugehöriger Workspace

2.25-BA (SPO 2019) | 1001 (SPO 2025) Prüfung Bachelorarbeit und Präsentation

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2026