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Wann endet ein Raum?

Abschied von einem Kindheitszuhause als körperliche und gestaltbare Praxis

Was geht verloren, wenn ein Ort nicht mehr zugänglich ist? Der Ort ist leer, leergeräumt. Letzte Staubpartikel schwirren in den Winkeln der Zimmer, in den Ritzen und Spalten, in dem Teppichboden, den Familie W. hoffentlich behalten hat. Im Haus war es leichter, das Leben zu rekonstruieren. Jetzt sitze ich in Berlin und muss mich mit dem zufriedengeben, was da ist. Was zwischendurch in meinen Kopf schießt, wirklich schießt, weil es kurz wehtut. Die Geschichten sind lauter vor Ort. Wenn das Haus weg ist, habe ich dann alles vergessen?

Es gibt Abschiede, für die unsere Gesellschaft Formen bereithält. Der Auszug aus einem Kindheitszuhause gehört nicht dazu. Er findet im Stillen statt oder gar nicht. Niemand hat mir gezeigt, wie man Abschied nimmt. Und trotzdem war mir das Dokumentieren wichtig, das Schreiben, das Fotografieren, das Sammeln.

Aus der Hilflosigkeit heraus entstanden Handlungen wie das Schreiben, Fotografieren und Staubsaugen. Aus diesen Handlungen entstand ein Archiv. Und aus dem Archiv entstand eine gestalterische Arbeit: ein Leporello, das der Topologie des Hauses folgt, ein räumliches Fragment und eine Partitur möglicher Abschiedshandlungen für alle, die keinen Rahmen für ihren Abschied finden.

Die Arbeit versteht Abschied nicht als emotionalen Moment, sondern als körperliche und gestaltbare Praxis. Erinnerung nicht als stabiles Archiv, sondern als fragmentarischen, sich verändernden Akt. Und Gestaltung als die Disziplin, die Formen erfindet, wo noch keine sind.

Abstract English

This thesis examines the farewell to a childhood home as a bodily and material practice, which can be designed. Its starting point is a personal experience: the dissolution of a family home and the attempt to give form to a departure for which our society provides no rituals. The thesis asks where memory resides; in which objects, corners, and traces of a place and what happens when that place is no longer accessible. Methodologically, it draws on Donna Haraway's situated knowledge, autotheoretical practice, and Sarah Pink's sensory ethnography. Memory is understood not as a stable archive but as a bodily, fragmentary act that transforms in the very process of remembering. The theoretical sections understand space as practice, read the house as an agent of memory, and describe departure as a liminal state without ritual framing. The design work comprises a leporello following the topology of the house, a spatial fragment, and a score of possible farewell actions. These three forms distill from a personal archive a shared structure; an invitation to give form to departures.

Abstrakt Deutsch

Diese Arbeit untersucht den Abschied von einem Kindheitshaus als körperliche, materielle und gestaltbare Praxis. Ausgangspunkt ist meine persönliche Erfahrung: eine Hausauflösung und der Versuch, einem Abschied eine Form zu geben, für den unsere Gesellschaft keine Rituale bereithält. Die Arbeit fragt, wo Erinnerung sitzt – in welchen Dingen, Winkeln und Spuren eines Ortes – und was geschieht, wenn dieser Ort nicht mehr zugänglich ist. Methodisch orientiert sie sich an Donna Haraways situated knowledge, an der autotheoretischen Praxis und an der sensorischen Ethnografie nach Sarah Pink. Sie versteht Erinnerung nicht als stabiles Archiv, sondern als körperlichen, fragmentarischen und sich im Prozess des Erinnerns selbst verändernden Akt. Im theoretischen Teil werden Räume als Praxis verstanden, das Haus als Gedächtnisträger und Akteur gelesen und der Abschied als liminaler Zustand ohne rituellen Rahmen beschrieben. Der gestalterische Teil umfasst ein Leporello, das der Topologie des Hauses folgt, ein räumliches Fragment und eine Partitur möglicher Abschiedshandlungen. Diese drei Formen destillieren aus dem persönlichen Archiv eine geteilte Struktur; eine Einladung, Abschieden eine Form zu geben.

Thesis (PDF)

Theorie_Valerie Stötzer.pdf PDF Theorie_Valerie Stötzer.pdf

Einblick Thesis

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Praxis

Die gestalterische Arbeit befindet sich noch im Entstehen. Fotos des Archivs, der Modelle und des Scores werden angefügt, sobald alle Teile abgeschlossen sind.

Das Leporello folgt der Topologie des Hauses; vom Keller bis zu den Fluren und Wohnräumen, in der Reihenfolge des Staubsaugens. Es ist kein abgeschlossenes Buch, sondern ein offenes Archiv, das sich räumlich entfalten und wieder zusammenziehen lässt. 

Das räumliche Fragment erkundet verschiedene Maßstäbe und Materialien und bewegt sich in verschiedenen Räumen und Winkeln des Hauses. In der Vielzahl der Modelle wird sichtbar, dass Erinnerung nicht an einem einzigen Ort sitzt, sondern verteilt, in Winkeln, Übergängen und Bewegungsabfolgen. Modellbau ist in der Gestaltung meist Mittel zum Zweck; ein Werkzeug, um eine Idee zu testen, zu verändern, weiterzudenken. Ein Modell und ein Prozess wird selten gezeigt. In dieser Arbeit ist das Modell kein Schritt auf dem Weg zu einem Zielobjekt, sondern selbst das Ziel. Im Modellbau erprobe ich meine Erinnerung, versuche eine Atmosphäre zu schaffen, experimentiere mit Material und Haptik. Die Modelle zeigen Räume, die nur anhand von Fotos rekonstruiert werden können und Räume, die eher verblassen werden als belebt werden. Das Modell ist kein Abbild, sondern selbst ein liminaler Zustand.

Die Partitur ist eine offene Struktur aus Fragen und Handlungsvorschlägen für den Abschied von einem Raum. Sie ist kein Werkzeug, sondern ein Angebot für alle, die Abschied nehmen müssen und nicht wissen wie.

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Abschließende Gedanken

Dass ich mich ein halbes Jahr mit diesem Ereignis auf persönlicher, theoretischer und gestalterischer Ebene auseinandersetzen kann, ist für mich ein Geschenk. Die theoretische Einordnung und das Schreiben sind für mich essentielle Bestandteile meiner Praxis. Sie sind für mich untrennbar mit dem, was später als gestalterischer Teil zu sehen sein wird. Für mich liegt daher in der theoretischen Arbeit eine starke Gewichtung, sie ist Einordnung des Geschehenen und Vorbereitung auf das, was in spürbarer  Form im Entstehen ist. 

Das Archiv ist mein Weg dem Erinnerten in Form von Sprache, Bild und Textur eine Form zu geben. Der Score ist eine Struktur, die daran erinnern soll, dass Abschiede wahrgenommen werden sollten und sie ist aktive Hilfestellung für anstehende Abschiede. 

Im Studium des Produktdesigns habe ich gemerkt, dass ich gerne konzeptuell denke und arbeite. Ich mag den theoretischen Hintergrund, das Fragen stellen, das Einordnen und in einen Kontext setzen. Ich will keine neuen Produkte entwickeln, eher will ich verstehen, wie Räume und Dinge auf uns wirken und Geschichten erzählen. Der Auszug war in diesem Sinne eine Auseinandersetzung mit dem, was bleibt und was weggeworfen wird; mit Dingen, die keine Rolle mehr spielen, mit dem Kontext, der Geschichte und dem Raum der Dinge, die bleiben. Im Score liegt für mich der gestalterische Anteil dieser Arbeit: nicht ein neues Ding in die Welt zu bringen, sondern eine Form anzubieten, wo noch keine war.

Diese Arbeit ist selbst Teil des Abschieds. Nicht ein Bericht darüber, sondern ein Versuch zu verstehen, was da passiert ist und was es bedeutet. 

Was offen bleibt: Abschiede sind zutiefst individuell. Diese Arbeit erzählt von einem Einzigen, an einem bestimmten Ort, aus einer bestimmten Perspektive heraus. Im Gespräch mit vielen Menschen habe ich jedoch gemerkt, dass dieses Thema Anklang findet. Dass viele genauso wenig wissen, wie sie mit einem Abschied von einem Ort umgehen sollen. Dass das Fehlen von Ritualen kein persönliches Versagen ist, sondern eine kulturelle Leerstelle, die viele betrifft.

Das macht mir Mut, weiterzudenken. Der Score, der in dieser Arbeit entstanden ist, kann ein analoger, körperlicher und haitischer Anfang sein. Bewusst nicht digital, weil es in dieser Arbeit um Oberflächen geht, um Geräusche, um das Fühlen von Papier und das Gehen durch Räume.

Werkschau (PDF)

Werkschau_Valerie Stötzer.pdf PDF Werkschau_Valerie Stötzer.pdf

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Art des Projekts

Bachelorarbeit

Betreuer_in

foto: Prof. Alexandra Martini foto: Prof. Jörg Hundertpfund

Zugehöriger Workspace

2.25-BA (SPO 2019) | 1001 (SPO 2025) Prüfung Bachelorarbeit und Präsentation

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2026