Incom ist die Kommunikations-Plattform der Fachhochschule Potsdam

In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre

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archiv und narration

Ein Kurs über das in Kisten kramen, verborgene Geschichten entdecken und diese gestalterisch wieder zum Leben erwecken.

Rahmen

Beginnen wir mit unserem Besuch im Schwulen Museum Berlin. Dieses gewährte uns zunächst einen Einblick in queere Geschichte, brachte uns aber auch die meist ehrenamtliche Arbeit solch einer Einrichtung näher. Außerdem bekamen wir Zugang zum hauseigenen, sehr liebevoll aufbereiteten, Archiv. Es ging in den Keller, wo sich braune Pappkartons und Pornos stapelten. Unsere Neugierde wurde geweckt! Später versammelten wir uns in der Bibliothek, wo wir eine kurze Einführung in die Recherchearbeit bekamen. In Findbüchern konnte dann nach Themenkomplexen gesucht und anschließend bestellt werden. Das Material, immer eine Überraschungskiste. Nach mehreren Anläufen mit geringfügiger Ausbeute, dann ein Volltreffer: der Nachlass der Suleika Aldini. Ihr Leben als Travestiekünstlerin lag uns in Form von Fotoalben, Interviews sowie Zeitungsartikeln und unzähligen anderen Dokumenten vor. Die Arbeit konnte beginnen, ein Buch sollte es werden.

Material

Was sich in den Archivkisten und Fotoalben so verbarg? Hier ein kleiner Einblick:

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Idee und Konzept

Die anfängliche Freude über Reichhaltigkeit an Material verflog ziemlich schnell. Es gab zwar berauschende Bilder, doch inhaltlich stießen wir auf viele Lücken im Lebenslauf. Suleika Aldini, mit bürgerlichem Namen Harry Waldow, hatte es nicht einfach in dieser Welt. Eine schwierige Kindheit im Nationalsozialismus, persönliche und berufliche Niederlagen, Armut und Krankheit im Alter. Viel darüber sprechen, wollte sie nicht, das geht aus Interviews und Gedächtnisprotokollen hervor. Uns tat sich eine Kluft zwischen Virtuosität und Leid auf, führte uns immer wieder zu der Frage: Wer warst du, Suleika Aldini? Diese sollte uns während des ganzes Prozesses begleiten, sie ist wohl auch zu unserem Konzept geworden. Über die Gestaltung Antworten finden, Gegensätze aufzeigen und am Ende ein Buch erarbeiten, um dieser tollen Frau, genau die Beachtung zu schenken, welche ihr gebührt.

Gestaltung und Umsetzung

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Unser Buch baut sich über 8 Kapitel auf, welche für sich selbst stehend, immer auch ein Teil des Ganzen, des Leben der Suleika Aldini bilden. 

Da wir schnell einen persönlichen Bezug zu ihr verspürten und auch unser Prozess im Seminar durch Höhen und Tiefen geprägt war, wollten wir unsere Gedanken und Gefühle direkt mit in die Gestaltung einfließen lassen. 

Das Buch beginnt also mit einem Tagebucheintrag, gefolgt von ersten Bildern und farbigen Seiten. Die Farben sind der Palette der erhaltenen Fotos entnommen. Sie sind das verbindende Element der Kapitel und kommen im gesamten Buch vor.

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Es folgt: Der Vortrag

Das war wohl ein Glücksgriff, denn lange Zeit blieben wir inhaltlich und informativ auf der Strecke. Bis dann dieser Vortrag über Suleika auftauchte, ein Professor aus Großbritannien hatte sich bereits mit ihrer Person beschäftigt und eine Vorlesung gehalten. Auch er war im Schwulen Museum Berlin gewesen und hatte später Schwierigkeiten ihr Leben zu konstruieren. Doch dank seiner Auseinandersetzung hatten wir neues Textmaterial. Mehr Klarheit für uns und das Buch. Reine Textseiten, Blocksätze, englische und deutsche Fassung. Ein beruhigendes Pendant zu all den Farben und Fotos. 

Gefunden, skripiert und auch noch übersetzt wurde die Vorlesung übrigens von Annalu Grunwald (Ehrenfrau). Auch ihr portabler Scanner hat uns im Archiv einiges an Kosten und Zeit erspart! Sie hat ebenfalls eine tolle Publikation zu Suleika Aldini gestaltet.

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Die nächsten Kapitel unterteilen sich in einzelne Farben. Orange, Rosa und Rot. In ihnen befinden sich Bilder von Auftritten in glamourösen Kostümen, eindrücklichen Showeinlagen sowie Reisen, welche Suleika oft mit Kolleg- und Freund*innen in ihrem Wohnwagen zurückgelegt hat. Vereinzelt tauchen Dokumente wie Verträge oder Rechnungen auf, die dem Archivmaterial beilagen. Über die Kapitel streckt sich außerdem ein Interview, welches Suleika kurz vor ihrem Tod mit einem Mitarbeiter des Museums geführt hatte. Hierbei haben wir uns für einen Formsatz entschieden, Lesbarkeit und Inhalt rücken in den Hintergrund. Einzelne Wortfetzen geben Aufschluss über ihren mentalen Zustand, über das Verdrängen und Vergessen wollen. Es bleibt… ein Rätsel.

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Mit den Gedächtnisprotokollen wird gestalterisch noch einmal Bezug auf den anfänglichen Vortrag genommen. Viel Text, viel Weißraum. Auch inhaltlich kann dieser Abschnitt als eine Art Rahmen um die kreativ ausgelebteren Kapitel betrachten werden. Es geht um die Reflexion der Treffen mit Suleika, ebenso um das Erfassen von Persönlichkeit und Lebensumständen.

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Um das Konzept der Widersprüchlichkeit zu verdeutlichen, haben wir uns an dieser Stelle für eine Schwarz-Weiß Fotostrecke entschieden. Diese soll die Schattenseiten des Lebens der Suleika Aldini auf eine bildnerische Weise zum Ausdruck bringen. Ganz Klischee. Doch zusätzlich zu den Textpassagen eröffnet sich damit eine weitere Deutungsebene. Die ursprünglich farbigen Bilder werden ihrer Lebendigkeit beraubt, ihre Oberflächlichkeit wird angeprangert.

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Abschließend ein Gedicht, lest selbst. Wir fanden es sehr passend.

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Und für ein kleines Incom Impressum:

Format: Breite 12cm x Höhe 17,5cm

Papier: Sunken Print White 115g

Schriften: Serif Babe Alpha und Keroine Pro von Charlotte Rhode

Bindung: Französische Kettenstichheftung

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Instagram Beitrag

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Fazit

Erstmal ein Schulterklopfer! 

Dieser Kurs war sehr intensiv und hat dank stetiger Herausforderungen, so einiges an Gestaltung aus uns heraus gekitzelt. Für uns beide war es die erste Erfahrung mit Buchgestaltung, sodass wir in der Teamarbeit viel Halt und Mut gefunden haben. Doch sind wir ehrlich, auch das war nicht immer einfach. Stichworte: Kommunikation, Kompromisse, Arbeitsaufteilung. Nicht nur der Umgang mit Indesign wurde erprobt, sondern eben auch jener mit Kommilitoninnen. Schlussendlich war wohl beides eine große Bereicherung.

Nach dieser tollen Zusammenarbeit, soll es nun Raum für eine individuelle Einschätzung geben:

Jula wie lautet denn deinen Fazit zum Kurs?

Zunächst hatte ich einen großen Respekt vor der Aufgabe, die uns da bevorstand. Ich habe vorher noch nie etwas mit redaktioneller Gestaltung gemacht und dann ein ganzes Buch zu gestalten erschien mir fast unmöglich. Glücklicherweise konnte ich mich mit Mathilda zusammentun, der es dabei ganz ähnlich ging. Das hat mir einiges an Unsicherheit genommen und mir außerdem geholfen kontinuierlich an dem Projekt zu arbeiten. Am Anfang hatte ich viele Ideen, wusste aber nicht ganz in welche Richtung wir gehen möchten und war mir auch in der Gestaltung noch sehr unsicher. Als wir es dann aber geschafft hatten gemeinsam ein einheitliches Konzept zu erstellen und Aufgaben klar zu verteilen fiel es mir viel leichterin den Gestaltungsprozess reinzukommen. Auch Susannes Feedback und Input war dabei immer super hilfreich und ich hatte das Gefühl danach genau zu wissen, wie ich mich weiter verbessern kann. Ich habe in diesem Kurs unglaublich viel gelernt und definitiv Lust an redaktioneller Gestaltung bekommen. Unser Buch dann am Ende noch zu Binden und jetzt in der Hand zu haben macht mich unglaublich stolz und ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit, sowie Mathilda als Teampartnerin gehabt zu haben. :)

Aha, spannend! Und deins Mathilda?

Für mich hat es sehr lange gedauert in den Kurs reinzukommen und mein Prokrastinieren habe ich meist damit gerechtfertigt, dass ich in Zukunft eh nie etwas mit redaktioneller Gestaltung arbeiten werde. Dabei war ich nur eingeschüchtert von dieser großen Aufgabe, wie auch von dem Können meiner Mitstudierenden. Vor dem Feedback von Susanne war ich meist total aufgeregt und hätte am liebsten gar nichts gezeigt, einfach weil ich selbst so unzufrieden war. Mit dem Anspruch die Beste sein zu wollen, musste ich dann erstmal in Verhandlung treten. Ausgemacht haben wir: Geduld und Sanftmut. Von da an viel es mir leichter in die Umsetzung zu kommen und auch produktiver zu werden. Am meisten Freude hatte ich an der experimentellen Arbeit, an Seiten denen man ansieht: hier hat sich jemand ausgetobt. Sich zu beruhigen, fiel mir schwer, aber dafür hatte ich ja Jula an meiner Seite, sodass unser Buch in seiner Gestaltung wieder ins Gleichgewicht gefunden hat. Ob ich nochmal einen Kurs in diese Richtung belegen würde, kann ich nicht sagen. Doch bin ich fasziniert von der Lernkurve, meinen Skills und Möglichkeiten, die mir durch fehlendes Zutrauen fast verborgen geblieben wären. Danke Susanne, für die Zeit und Qualität deines Feedbacks, einem taten sich danach immer wieder neue Wege auf! Danke auch an alle anderen aus dem Kurs, ihr habt mir sehr viel Orientierung und Inspiration geschenkt. Mit all meinen Fragen, habt ihr mich an eurer Expertise teilhaben und in den Tiefen von Indesign nie verloren gehen lassen. 

Schön war's! Wir beide brauchen jetzt erstmal Semesterferien.

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Fachgruppe

Kommunikationsdesign

Art des Projekts

Keine Angabe

Betreuer_in

foto: Prof. Susanne Stahl

Zugehöriger Workspace

Archiv und Narration

Entstehungszeitraum

Wintersemester 2023 / 2024