In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
Dokumentation der entstandenen Arbeit im Kurs „Th!nk BIG“ von Constanze Hein und Susanne Stahl im Sommersemester 2023
Wie stellt man eine aus dem Mittelalter stammende Schelmenfigur dar, deren Gesicht und Geschichten sich im Laufe der Jahrhunderte verändert haben?
Wir begannen also damit, die für uns wesentlichen Charakteristika und interessantesten Erzähl-, und Darstellungsweisen zu sammeln und kondensieren.
Über viele schwierige und weniger amüsante Ideen hinweg, entschieden wir uns dann final für die Anmutung von Spielkarten, um Tills Geschichten einmal wieder ein neues Aussehen zu verleihen. Dies taten wir, weil Till der Urvater der Jahrmarktsgaukler und Harlekine ist. Personen, die Unfug und Schabernack betreiben. Und das auf Kosten des Volkes.
Doch letztenendes ging es in diesem Kurs ja nicht um Scharlatane, sondern um Hochstapler:innen.
In den Geschichten wurde deutlich, dass Till metaphorisch gesprochen mit Schelmenkappe zur Welt kam, aber dass sein Dasein als Hochstapler sich erst später entwickelte. Für uns läutete der Tod des Vaters den Prolog dieser Geschichte ein. Der Beginn dieses Weges war der Sturz ins Wasser, verursacht durch die Mutter.
Dieser inhaltliche Knotenpunkt sollte auch gestalterisch mit in die Arbeit einfließen. Warum also die Spielkarten nicht von einem Seil aus hängen lassen?
Knüpfen wir hier also den Rest des Konzeptes an:
Wenn für uns die Geschichten Tills markanter als die eigentliche Person waren, so sollten also auch die Spielkarten mit den Geschichten hoch hinaus im Raum wandeln und den meisten Platz einnehmen. Da Rache ein wesentliches Motiv in dieser Thematik darstellt, entschieden wir uns auch Tills Antwort auf diesen Moment aufzugreifen und zusätzlich zu dem, noch unsere Lieblingsgeschichte mit seinem Gedankengang, der Namensgeber unserer Installation sein sollte. Da in Eulenspiegels Racheakt Schuhe eine wesentliche Rolle spielte, so wollten wir keine normalen gewichte zur Hängung benutzen, sondern schwarz gesprayte Kinderschuhe.
Doch hinter den Geschichten steckt immer noch Tills Peron, die ja schließlich auch kommuniziert werden sollte.
Diesen Gegenpol stellte ein Podest dar, welches diametral im Raum dazu stehen sollte.
Mit Eckdaten zur Figur, einem kleinen Umriss zur Person und zur Installation und dem Element, welches Eulenspiegel in die Gefilde des Hochstapelns reißen sollte: die Schere, die das Seil in zwei schnitt.
Doch sein Geiste sollte noch auf eine subtilere Weise durch die Installation scheinen. Denn sie selbst sollte ein Scherz beziehungsweise eher ein Spiel sein. Wir wollten mittels der Hängung die Empfindung erzeugen, dass diese Spielkarten im Weg seien. Sodass man sie eigentlich aus dem Weg haben möchte. Das Spiel bestand darin, dass die einzige Möglichkeit, die Geschichten aus dem Weg zu räumen, die Schere war, die wir vorher unbrauchbar machten. Richtig Unsinn stiften ganz im Sinne des Possenreißers.
Da Eulenspiegel eine Figur ist, die aus mindestens zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann, entschieden wir uns auch für zwei unterschiedliche Displayfonts. Zum einen ist das die IKANSEEYOUALL von swiss typefaces. Sie ist durch einen starken Linienkontrast und eckige Konturen gekennzeichnet. Sie wirkt kräftig und ein wenig dramatisch, zugegebenermaßen auch etwas pompös, was uns für den König der Schelme sehr passig wirkte. Ich persönlich finde ja, sie repräsentiert die „Halunkenseite“. Unsere zweite Displayfont ist die Pilowlava von der open type foundry velvetyne. Es ist eine sehr verspielte Schriftart, die mit organischen Formen und Linienführung spielt. Für mich ehrlich gesagt auch ein Toptreffer, weil ich tatsächlich an Honig denken muss. Beides sind sehr zeitgenössiche Schriftarten. Doch Till Eulenspiegel ist schließlich eine Figur des Mittelalters. Um diesen Aspekt aufzugreifen, wählten wir als Fließtextschrift die Basteleur. Eine mittelalterlich anmutende Serifenschrift.
Zwecks der Spielkarten brauchten wir vier Icons als Symbole und ein Muster für die Rückseite. Nachdem ein eher tristes Sets Icons gebaut wurde, gab uns Susanne den Hinweis die starken Displayfonts als Grundlage zur Erstellung der Icons zu nutzen. Oh man hat das gut funktioniert. Von Daft Punk wirkenden Tills zu teuflischen Spiegeln gestalteten wir auch vier Icons die sehr passend waren.
Die Typografie der Riesenspielkarten haben wir zwecks Lesbarkeit klassisch gehalten.
Um die Komik aufzugreifen, haben wir bei den kleinen Spielkarten mithilfe Constanze eine recht witzige Systematik entwickelt, bei der man in der Mitte der Spielkarte anfangen muss zu lesen, um dann nach oben zu springen. Ist man mit diesem Textabschnitt fertig, muss man die Spielkarte auf den Kopf stellen, um den zweiten Abschnitt lesen zu können.
Eckdaten und Namensgebung bilden den Rahmen.
Alles begann mit A0
Im Sinne von Th!nk Big dachten wir, A0 sei das Format. Wir hatten keine Ahnung, welcher Problemrattenschwanz dort dran hing. Die Beschaffung stellte schon ein Problem dar, da dieses Format nicht im Handel verfügbar ist. Das einzige Papier, was wir fanden, welches die richtige Grammatur und Größe hatte, war ein offenes Papier, welches wir als eine 50x150 m Rolle kauften. Wir wollten unsere Plakate in einem schönen, leuchtenden blau siebdrucken.
Mit Tillmann zusammen wagten wir es - nach der ersten Hürde der Papierbeschaffung, stellte dies die zweite Hürde da, da die Kombination aus unserem Design, dem offenen Papier und dem feinen Sieb eine teuflische war. So richtig wollte das nicht funktionieren. Die haardünnen Linien der IKANSEEYOUALL waren so gar nicht sichtbar. Auch im Fließtext wurden einige Attribute nicht durchgedruckt. Im Eifer des Gefechts entschieden wir uns, bei Peter Kerscher jeweils Vorder- und Rückseite drucken zu lassen, um beide dann mittels zugeschnittenen Kappaplatten zu verbinden. Auch das war echt tückisch!
Durch die runden Ecken, und wir, die das nicht mit einbezogen hatten, wellten sich die Kanten und es war eher schlecht als recht, da das Papier ein sehr dünnes war.
Die kleinen Spielkarten druckten wir am Riso - durch die Bedruckung beider Seiten und den risoeigenem Versatz hatten wir am Ende eine kleine Auflage, die wir nutzen konnten. Aber all das führte dazu, dass man über all diese Druckarten und -stufen echt wahnsinnig viel dazu gelernt haben, was das Praktische angeht.
Gerade dort ist es sehr wichtig, eine große Auflage zu drucken, um eben eine gute „Ausbeute“ am Ende zu erhalten. Wir hatten fünf Spielkarten die echt richtig toll waren. Kein Wunder, dass in der ersten Ausstellung bereits zwei Exemplare verschwanden..
Wir fixierten sie mit Haarspray, sodass sie nicht verschmierten, wenn sie jemand anfasste. Auch das hat wunderbar funktioniert.
Auf Ebay ersteigerten wir für einen Kasten Cola (how weird) 8 Paar Kinderschuhe, von denen wir 6 schwarz absprühten. In einem Bootsbedarf erstanden wir ein wirklich schönes Seil, an die wir in der ersten Installation unsere Spielkarten direkt befestigten. Das war sehr müßig, aber auch hier war das Learning riesig, was Hängung, Kniffs und Tricks anging.
Wir besprühten eine Küchenschwere schwarz, fixierten sie mit Kabelbinder und kauften einen blauen Satinstoff, der als Auskleidung des Podestes dienen sollte.
Für die Werkschau wollten wir eine neue Auflage der großen Spielkarten produzieren. Ursprünglich wollten wir auf unsere dicke Papierrolle zurückkommen. Wir schnitten sie auf A0-Plakate zu, damit wir sie einzeln bei Kerscher vorderseitig bedrucken lassen konnten, um sie anschließend rückseitig zu sieben. Der Schnitzer war, dass wir nicht wussten, dass wir wirklich exakt im 90° Winkel alles hätten schneiden müssen. Unsere Plakate gefielen Keschers Drucker echt gar nicht. Und dies ebnete den Weg für Fehler Nummer 3 der Plakate: Steinpapier. Ein Papier, was echt leicht, dafür aber nicht zerschneidbar ist, da es mit Steingemisch vermengt ist. Dies bedeutet auch, dass es keine Faserrichtung hat und somit echt schwierig zu sieben. Der Druck bei kerscher war völlig matschig und gedämpft. Der Siebdruck hingegen war uneben, teils wurde die Farbe gar nicht aufgenommen, teils aufgeschwemmt davon. Was eine Tortur!
Der finale Anlauf bestand darin, auf A2 umzusteigen und alles im Risodruck zu machen. Endlich Licht am Ende des Horizontes!
Die Vorderseite wurde problemlos gedruckt, allerdings war das Muster der Rückseite zu vollflächig, weshalb wir das vollschwarz auf 70% grau reduzieren mussten, damit es druckbar wird. Somit wurden diese Drucke etwas heller, aber hey es hat funktioniert! Eine weitere Veränderung war, dass wir den Rand des Musters weglassen mussten, um beim Versatz etwas mehr Raum zu haben.
Finale Hängung
Bei der Werkschau durften wir über die Ecke, unmittelbar rechts neben unserem ursprünglichen Ausstellungsort hängen. Mithilfe von Valerie konzipierten wir eine, wie ich finde, echt starke und ausgetüftelte Art unser Baby zu hängen.
Wir entschieden uns, Seil und Plakate separat hängen zu lassen. Auf eine Angelschnur zogen wir unsere Foldback Claps und befestigten sie mit Patta. An diesen ließen wir insgesamt 8 Schnüre bis zum Boden hängen, sodass wir letztelendes ein 4x3 Raster für unsere Plakate hatten. Die Justierung der Plakate war so flexibel und einfach zu ändern. Am Ende erschwerten wir unsere Plakate mit den Schuhgewichten und stellten unser Podest ein wenig näher heran. Das war echt schön anzusehen und eine 200% Verbesserung zur vorherigen Installation.
Unser Begleitheft wurde auch im Riso gedruckt. Der Vierseiter wurde auf copypaper gedruckt. Als Cover benutzten wir ein KI generiertes Bild, was wir noch ein wenig abänderten. Das Design orientierte sich an dem, der kleinen Spielkarten. Ein komisches Heft zum Wenden und Drehen. Inhaltlich konzentrierten wir uns wieder stärker auf Till, zwei Impressionen der Ausstellung und unserem Konzept. Das Plakat bedruckten wir auf 200g Monken Papier und stellte eine große Spielkarte im kleinen Format dar, welches die Geschichte „Das Sturz vom Seil“ zeigte. Wir haben es mit Gummiband gebunden, sodass das Plakat einfach rauszunehmen und wieder einzusetzen ist.
Insgesamt kann ich sagen, dass ich durch diese Misere soooooo viel über die Drucktechniken und ihre Macken, über Papier und dessen Eigenschaften und über die Hängung im Raum gelernt habe. Und das ist ja nur das Learning der Produktion. Und eigentlich auch nur ein Teil dessen, denn Timing zählt ja auch dazu und Hoia, da habe ich echt was zu lernen!
Wir haben uns zu viel Zeit für die Erstellung des Design gelassen, ohne zu wissen, dass man dies auf die jeweilige Technik anpassen, oder die perfekte Technik dafür finden muss (größere Herausforderung für Designnewbies bei diesem riesigen weiten Feld)
Inzwischen sehe ich das so, dass die Produktion ein Regulationspunkt ist, der nicht an Konzeption und Umsetzung anschließt, sondern sich auch dort bereits einfinden muss.
Ich habe noch nie so viel in so kurzer Zeit gelernt, noch nie so viel produziert und auch wenn es zwischendurch Schweiß und Tränen gekostet hat, bin ich froh, all diese Schritte gegangen zu sein, um an Ende mithilfe von einem experimentierfreudigen Druckgenie, einer jungen, angehenden Szenographin, versierten Designerinnen und Professorinnen ein doch recht passables Ergebnis hängen zu sehen. Danke dafür!