In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
Datenbasierte Darstellungen zeigen steigende Kurven von Artenverlust und globalen Temperaturen. Wissenschaftliche Berichte informieren über unvorstellbar riesige Plastikstrudel, überdüngte Landschaften, zugebaute Erde und die damit wachsenden Risiken für die Gesundheit und das Leben aller. Der Klimawandel ist real und doch scheint uns diese Krise kaum zu berühren. Oft sind wissenschaftliche Darstellungen zu abstrakt und unbegreifbar. Was es zu sagen und zu tun gibt, bleibt unverstanden.
Wie können wir also Welten und Geschichten schaffen, die anschaulich, sinnlich erfahrbar, vermittelnd und wünschenswert sind? Wie könnten Umweltdaten und Forschungserkenntnisse in unserem Alltag eine Rolle spielen und die Mensch-Natur-Beziehungen neu definieren?
Ausgehend von Forschungsdaten und -projekten junger Wissenschaftler*innen wollen wir poetische, provokative, umsichtige, sehnsuchtsvolle und experimentelle Erzählungen von möglichen Zukünften entwickeln. Umweltdaten bedeuten nicht nur Zahlenreihen, sondern auch Bilder, Satellitenaufnahmen, akustische Aufzeichnungen, Kartierungen usw. Schon jetzt können wir dank kleinster Sensoren die Migrationswege von Tieren live verfolgen und den Zustand von Wäldern und Gewässern beobachten. Wie werden also Umweltdaten unser Leben mit nicht-menschlicher Natur prägen? Dystopie oder Utopie?
Im Rahmen der Umweltbeobachtungskonferenz am 14.-15.November 2023 werden die entstandenen Forschungs- und Designprojekte in einer Ausstellung präsentiert und im Anschluss durch weitere Umweltämter in Deutschland und der Schweiz wandern.
Grundlage für unser Projekt ist die Forschung von Hanna Paikert (Justus-Liebig-Universität Giessen), welche den Namen Potential am Wegrand - Resiliente Agrarlandschaften der Zukunft (WegAS) trägt.
Das Projekt startete im Oktober 2022 und verfolgt das Ziel den Wert von Wegrändern für den Naturschutz zu bewerten. Dazu wurde die Landnutzung von Straßen und ihren Straßenrändern digitalisiert und Vegetationserhebungen durchgeführt um die Artenzusammensetzung von Pflanzen und Insekten zu analysieren. Zentraler Punkt war dabei die Rolle von Wegrändern als verbindende Elemente.
Durch die Abnahme der biologische Vielfalt und der damit verbundenen Ökosystemleistungen erhält Hannas Arbeit seine Relevanz, dann Straßenränder können eine hohe lokale Artenvielfalt aufweisen. Aufgrund der Größe unseres Straßennetzes (ca. 230 000 km) liegt dort ein enormes Potenzial.
Mit dem Projekt sollen Schlüsselstrukturen identifiziert werden, die zu einer hohen Lebensraumqualität an Wegrändern führen und eine Strategie zur Priorisierung von Straßenrändern mit hohem Naturschutzpotenzial gefunden werden.
Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen. Im Frühsommer wurde mit den Vegetationserhebungen gestartet, weitere Schritte zur Datenerhebung werden noch folgen.
Um ehrlich zu sein, war es ein langer Weg bis hin zur Konkretisierung und Finalisierung unseres eigenes Projektes. Auf der Suche nach der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Design, mussten wir viel grübeln und vor allem über den Rand hinaus denken. Kreativ und klug sein, abstrahieren und dennoch verständlich kommunizieren.
Angenähert haben wir uns über verschiedene Fragestellungen, die uns Aufschluss über die Akteure unserer Arbeit bringen sollten. So ergaben sich Charaktere, aus denen wir unsere erzählerische Arbeitsweise schöpfen konnten.
Welche Rolle spielt der Mensch?
Welche Rolle spielen Tiere und Pflanzen?
Welche Rolle spielen wir als Designerinnen, aber auch als Individuen und was hat uns persönlich am Forschungsprojekt interessiert?
Worin liegt der Zusammenhang zwischen Natur und Mensch? Können wir uns überhaupt als getrennt von ihr begreifen?
Was ist Schönheit (in der Natur) und wo kann man diese trotz vieler Krisen finden?
Welcher Einfluss steht dem Mensch überhaupt zu?
All diese Fragezeichnen galt es zu klären, dass nun ein kleines Resume der Erkenntnisse folgt:
Der Mensch, der Mächtigste, der Mittelpunkt. Überall lässt er sich nieder und bedient sich zweifelsohne an den Rohstoffen dieser Welt. Ihm scheint alles zu gehören, ohne Widerrede, denn die Natur kann ja nicht sprechen, oder? Was nicht so laut wie er ist und auch nicht seine Sprache spricht, wird überhört. Die Stille scheint ihm ein stetes Ja zu sein und die klimatischen Veränderungen mit all ihren katastrophalen Auswirkungen, die sind eben schade, aber mit dem Menschen hat das nichts zu tun. Was aber, wenn es die Wut ist, die da aus der Erde spricht, der verzweifelte Versuch uns zum fühlen zu bringen, da wir dieser Sprache doch alle mächtig sind? Wird man still, dann nimmt man wahr wie sich die Pflanzen über den Regen freuen, Tiere immer leiser, immer weniger werden, der Boden unser aller Halt gewährleistet. Statt Mensch und Natur, reicht es Natur zu sagen, was uns schließlich dazu bewegte hinzuschauen. Welche Dinge können wir finden, die genau diese scheinbare Trennung zwischen Mensch und Natur vornehmen, um anschließend ihre enge Verbundenheit zu erzählen? Mit Blick in die Wegränder sind wir dann auf überwiegend eine Sache gestoßen: Müll. Ganz spannend war dabei auch die Frage nach der Schönheit, welche sich für uns wohl in der Emotionalität des Themas verbarg. Umwelt- oder besser Weltverschmutzung als Menschen gemachtes Problem, vereint Egoismus und Kapitalismus so gut, dass hier ein enormes Potential für Wut und dem Wunsch nach Veränderung schlummert. Unsere Wut, Angst und Enttäuschung, aber auch die der Tiere und Pflanzen, wollten wir gerne zum Ausdruck bringen. Denn die Einflussnahme, welche wir uns so selbstverständlich zuschreiben, wie auch die Verantwortung mit der wir offensichtlich nicht gut umgehen können, haben große Auswirkungen. Unser Fokus richtetet sich im Folgenden nicht darauf lösungsorientiert zu arbeiten, sondern eher verstehen zu wollen. Warum gehen wir so mit unserer Welt um, was bewegt uns dazu so zu handeln und wieso sind wir gerade dabei unsere eigene Existenz zu bedrohen?
Mit vielen Fragen im Kopf ging es zunächst an die Recherche. Über den vielen Input aus dem Kurs zu klimatischen Veränderungen hinaus, war für uns vor allem die archivarische Arbeit ein Ansatz, den wir genauer betrachten wollten. Müll sammeln, diesen aufarbeiten, lagern, ordnen und einer zukünftigen Welt zugänglich machen, was da einst den Planeten so verdreckte.
Dafür haben wir uns, wir wollen es gar nicht leugnen, erst einmal auf Pinterest umgeschaut. Denn natürlich wollten wir als Designerinnen auch über eine gewisse Ästhetik kommunizieren. Bilder von Ordnung und dem nüchternen Strukturieren von Inhalten, gaben uns auch ein erstes Gefühl dafür, welche Haltung der Mensch überhaupt einnimmt, wenn er seine Umwelt greifen möchte. Alles erklären können, solange es nur ordentlich genug aufbereitet ist, als sei die Natur ganz primitiv.
Konträr zu diesem westlichen Verständnis von archivarischer Aufbewahrung, konnten wir aus dem Besuch im Zentrum der Spore Initiative in Berlin (unbedingt auschecken: https://spore-initiative.org/de/ !) neue Inspiration schöpfen. Wie mit Hinterlassenem umgegangen wird, welche Bedeutung und auch welchen Freiraum wir den Dingen lassen, ist definitiv eine Haltung. Raum, Abgrenzung und Einheitlichkeit eröffneten sich uns demnach als stilistische Mittel, welche fortan in unsere Arbeit einfließen sollten.
Entlang der Themen Müll, Wegränder, Klimakrise, Archiv und Zukunft galt es nun eine Idee, eine Geschichte zu erzählen:
Wir befinden uns in der Zukunft, die Klimakatastrophe hat wie vorhergesagt die Erde aus dem Gleichgewicht gebracht. Ein Großteil der Menschen ist in der Hitze geschmolzen oder wurde mit Überschwemmungen und Fluten in den Tod gespült. Alles liegt brach und nur langsam regeneriert sich die Welt. Verwüstung und Überreste aus einer anderen Zeit, darunter auch ein paar letzte menschliche Überlebende. Um das Geschehene zu verarbeiten, wollen sie an ihre Geschichte, die vom niemals satten Menschen, appellieren und erinnern. Wer waren diese Menschen, die so leichtsinnig das Feuer, ihren eigenen Untergang entfachten? Was haben sie gefühlt, in Bezug auf sich und die Natur und mehr noch, was haben sie uns hinterlassen? Was haben sie der Erde angetan? Es wir sich also umgeschaut und am Rande des Weges viel gefunden, viel Plastik, viel Müll, viel, was dem Konsum der Menschheit gedenkt.
Die Betrachter sollen in die Zukunft versetzt werden. Es sind 100, vielleicht 200 Jahre vergangen und die Klimakatastrophe konnte nicht mehr aufgehalten werden. Zurück bleiben die Wege der Menschen und ihr Müll, der ihnen einmal so viel bedeutet hat. Diese Gegenstände geben Hinweise auf das was einmal war, auf die Rolle welche sie für Mensch, Tier und Pflanzen gespielt haben.
Mit unserer Interpretation des Themas wollen wir diese Geschichten im Rahmen eines physischen und eines digitalen Archives erzählen.
Prozess und Umsetzung:
Nach der Entscheidung sowohl digital als auch analog zu arbeiten, fiel die Wahl im digitalen schnell auf Aero, sowie Photogrammetrie. Im Analogen dagegen hat sich die Wahl einer geeigneten Darstellungsformen deutlich schwieriger gestaltet. Um uns über das passende Format im Klaren zu werden, haben wir viel Verschiedenes ausprobiert. Einer initialen Recherche folgten Skizzen, Materialproben, Prototypen. Die scheinbar unzähligen Möglichkeiten die uns gegeben waren und auch die unterschiedlichen Räumlichkeiten der Ausstellung haben uns vor eine große Herausforderung gestellt. Dabei galt es immer wieder das Konzept zu verfeinern, sowie neue Optionen auszuprobieren.
Zum Schluss fiel unsere Wahl auf große Boxen, also einem richtigen physischen Archiv. Dazu haben wir blaue und graue Kisten gewählt, ebenso wie verschiedene Höhen, um so mehr Variation zu haben. Wir haben uns zudem entschieden aus Gründen der Dauerhaftigkeit und Präzision die Beschriftung auf den Kisten mit einem Schneideplotter ausschneiden zu lassen. In kleinteiliger Feinarbeit musste dann die geschnittene Folie entgiftet werden. Dabei haben wir zwischen dem Positiv der Schrift und dem Negativ variiert.
Beim erstellen des Raumes habe wir angefangen in eine 3x6m große Box zu bauen. Der Raum wurde so groß gewählt, damit Besucher wortwörtlich Meter zurücklegen müssen um alles erleben zu können, der Raum jedoch auch in die Ausstellungsräume passt. Für die Gestaltung der Wände haben wir verschiedene Optionen durchprobiert, von farbigen Wänden bis hin zu Wänden die Natur zeigen. Wir haben uns dann dazu entschlossen die Wände transparent zu halten, damit Besucher das Gefühl für ihre Umgebung nicht verlieren, sowie die Decke ganz weggelassen, wie also unter freiem Himmel. Die Farbgestaltung der Säulen greift die physischen Säulen, also unsere Kistenstapel auf. Die Anordnung erinnert an ein Museum, deutet jedoch außerdem durch die geschlängelte Form einen Weg an, den der Besucher ablaufen muss um alle Geschichten anhören zu können. Der Weg ist dabei von Pflanzen gesäumt, die weiter in das Bild eines Wegrandes einfließen. Die Beschriftung der Säulen enthält, genau wie auf den Kisten, Informationen zum Fundobjekt und Fundort.
Weiterhin mussten alle Objekte mit Geschichte eingescannt werden. Da die Objekte so klein und oft aus glänzenden und so sehr reflektieren Materialien wie Metall oder Plastik bestanden hat sich das erstellen der Scans als eine große und sehr zeitaufwendige Hürde erwiesen. Mit einer weißen Unterlage konnten wir die besten Resultate erzeugen, die jedoch trotzdem von löchrigen und teils verzerrten Meshes gekennzeichnet waren. Das hat uns als gestalterisches Mittel dennoch sehr gut gefallen.
In einem letzten Feinschliff haben wir weitere Funktionen eingebaut um die Anwendung möglichst nutzerfreundlich zu gestalten. Um ersichtlich zu machen, dass etwas geklickt werden kann haben wir eine Scale-Funktion eingebaut, welche ab einem Abstand von 150cm zu dem Objekt dieses größer und kleiner werden lässt. Weiterhin haben wir die Spin-Funktion genutzt um erkennbar zu machen von welchem Objekt der Ton gerade ausgeht, von was die Geschichte also handelt.
Wie soll unser Wegrandarchiv erlebt werden?
Betrachter finden verschieden hohe Stapel aus Kisten vor sich. Es kann nun entschieden werden, ob das Archiv analog oder digital erkundet werden soll. Mit Hilfe des iPads und dem QR-Code, welche auf dem mittleren und höchsten Stapel zu finden sind, kann in unsere Augented Reality Welt eingetaucht werden. Um eine bestmögliche Erfahrung gewährleisten zu können liegen außerdem Nutzungshinweise bereit. Im virtuellen Raum selbst, ist es den Besuchern durch tippen auf die unterschiedlichen Objekte möglich, sich die Geschichten durch Kopfhörer anzuhören und die gescannten Objekte von verschiedenen Seiten angucken zu können.
Im analogen können die Besucher die Objekte in real erkunden. Dabei ist es gewünscht die Kisten zu öffnen, sowie durch die Stapel zu gucken um zu entdecken was sich im Archiv verbirgt. Dabei sind große und kleine Objekte, manche mit und manche ohne Geschichte sortiert und aufbewahrt.
Die Geschichten sollen über beide Wege Emotionen in den Besuchern wecken und zu Fragen anregen. Sie sind nah an jedem von uns dran und vielleicht findet sich der ein oder andere ja in einer Geschichte wieder.
Unser Projekt ist zum Hinschauen und sich Hineinbegeben müssen, worin sich auch unsere Herangehensweise an Hannas Arbeit widerspiegelt. Wegränder und ihre Relevanz werden oft übersehen, es bedarf also ein gewisses Bewusstsein, um überhaupt erst einmal auf dieses Thema zu stoßen. Wer verstehen will, muss sich auch bei unserer Arbeit den vielen kleinen Details und Geschichten widmen. Wahrnehmung als Herausforderung und im besten Fall Bereicherung gleichermaßen. Dieser Aspekt der Umsetzung schafft einen guten Einstieg zum Potential von Wegrändern, da wir Emotion und Identifikation transportieren, welche eng mit unserem Handeln und dessen Auswirkungen auf unsere Umwelt verknüpft sind. So entsteht eine Brücke vom Großen ins Kleine, vom Artensterben allgemein bis hin zur Biodiversität in Wegrändern, welche es zu schützen gilt. Ebenso vertieft der Übergang vom Analogen in das Digitale die eigene Erfahrung mit unserem Projekt. Zugleich versteht er sich als Metapher für die unscheinbare Tiefe von Wegrändern. Aktuell existieren 10 Kurzgeschichten, es gäbe allerdings noch so viel mehr zu erzählen. Die bisherige Ausarbeitung bietet also noch viel Spielraum, um konkreter und dichter an Informationen zu werden. Wir könnten uns demnach gemeinsam mit der Wissenschaft bewegen, welche erst in den Anfängen ihrer Forschung steht und immer neue Objekte wie auch Geschichten in unser Archiv einbringen.
Dieses Projekt und der Kurs hat gezeigt, dass trotz noch so guter Planung unerwartete Hürden auftreten können, die alles ins Wanken geraten lassen. Wenn wir eins auf den Kurs mitgenommen haben dann ist es wohl: Trust the Process. Es war schön die thematische Grundlage als eine Konstante zu haben an der sich im gestalterischen Prozess festhalten lässt. Wir sind wissenschaftlichen Themen gegenüber mutiger geworden und großen Fragen auch. Wir können zwischen Wissenschaft und Gesellschaft vermitteln, aufzeigen was sonst nicht gesehen wird. Und vielleicht ist das der erste Schritt zu dem was es braucht.