Im Rahmen des Kurses „Urban LoveScapes“ haben wir untersucht, welche Rolle urbane Räume für verschiedene Formen von Liebe und menschlicher Verbundenheit spielen können. Mithilfe von Interviews, Exkursionen, kreativen Aufgaben und der Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen von Liebe haben wir bestehende Orte in Berlin untersucht und über mögliche Zukunftsszenarien nachgedacht. Auf dieser Grundlage erstellte jede*r von uns ein eigenes Fanzine, in dem wir unsere Erkenntnisse, Schlussfolgerungen und Zukunftsvorstellungen gestalterisch dargestellt haben. Diese Dokumentation gibt einen Einblick in unseren Arbeitsprozess, von der ersten Auseinandersetzung mit dem Thema über die Gestaltung des Fanzines bis hin zur Umsetzung der Lesereise.

Kontext und Fragestellung

Ausgangspunkt meiner Arbeit war meine persönliche Überzeugung, dass Natur
einen spürbaren positiven Einfluss auf die körperliche und psychische
 Gesundheit des Menschen hat. Mich hat besonders interessiert, ob naturnahe
 Räume in der Stadt eine echte Verbundenheit zur Natur ermöglichen und den
 Menschen ruhige, erholsame Zeit mit sich selbst schenken können und auf
welche Weise dies geschehen könnte.

Im Verlauf meiner Recherche habe ich mich dazu entschieden, mich auf
Friedhöfe zu konzentrieren. Auf den ersten Blick sind Friedhöfe Orte des
Abschieds und der Trauer, gleichzeitig aber auch eines der grünsten und
ruhigsten Flächen im städtischen Raum. Aus dieser Beobachtung hat sich meine
zentrale Frage entwickelt:

Kann ein Friedhof, trotz seiner Verbindung zu Tod
und Trauer, zu einem Ort werden, an dem Naturverbundenheit entsteht und zu
einem Ort, den Menschen bewusst aufsuchen, um dort ihre freie Zeit auf
angenehme Weise zu verbringen?

Durch die Arbeit an unserem Gruppenreferat zum Thema Liebe zur Natur, das
ich gemeinsam mit Sophia Oneglia Gorisch und Paula Humberg erarbeitet habe,
wurden Erich Fromms Überlegungen zur Liebe als aktiver Praxis, dargelegt in
seinem Buch Die Kunst des Liebens, sowie das Konzept der Biophilie, also der
angeborenen menschlichen Tendenz, positiv auf Natur und lebendige Systeme zu
reagieren, zu einer wichtigen theoretischen Grundlage für mein weiteres
 Projekt.

Für die Frage nach sozialen und entwicklungspsychologischen Effekten von
 Natur auf die (psychische) Gesundheit war außerdem der Sammelband von Kowarik
et al. (2016) hilfreich, der dieser Thematik ein eigenes Kapitel widmet.

Viele weitere Denkanstöße und Ideen für das Fanzine sind außerdem aus der 
Exkursion auf den Friedhof selbst entstanden, aus den dort mit Besucher*innen
geführten Interviews sowie aus Übungen, die sich mit Zukunftsvisionen
beschäftigt haben.

Präsentation und Poster für das Referat

Zukuftsvisionen

Zukünftige Urban LoveScape Gesellschaft

Zukunftsvisionen für verschiedene Orte

Friedhof

Alexanderplatz

Späti

Foto Love Story

Interviews

Idee

Mit dem Fanzine wollte ich vor allem eine Sache vermitteln: Ein Friedhof kann mehr sein als nur ein Ort der Trauer, nämlich ein Ort, den man bewusst aufsuchen kann, um zur Ruhe zu kommen und mitten in der Stadt eine Verbindung zur Natur zu spüren.

Mir war außerdem wichtig zu zeigen, dass hinter diesem grünen Zustand des Friedhofs Menschen stehen, die sich aktiv um ihn kümmern. Die Führung mit Tillmann Wagner und Claudia Körber hat mir das sehr deutlich gemacht. Der naturnahe, teils bewusst „wilde“ Charakter der Anlage ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Pflege und Denkmalschutz. Diesen Aspekt der Fürsorge wollte ich später im Fanzine durch Fotografien von dieser Exkursion sichtbar machen, weil er zeigt, dass die Verbindung zur Natur hier nicht von selbst entsteht, sondern aktiv gestaltet und erhalten wird.

Umsetzung

Für die Idee und den Inhalt habe ich vor allem vier Quellen zusammengeführt: Fotografien vom Friedhof, Interviews mit Besucher*innen, eine Online-Umfrage und verschiedene Übungen aus dem Kurs zur Vorstellung von Zukunftsszenarien.

Fotografien und Bildsprache: Ein großer Teil des Fanzines besteht aus Fotografien, die wir selbst auf dem Friedhof gemacht haben. Sie sollten die besondere Atmosphäre mit den alten Gebäuden und der weitgehend unberührten Natur einfangen.

Zitate aus den Interviews: Damit im Fanzine sofort deutlich wird, dass es bereits Menschen gibt, die den Friedhof als Ort der Ruhe und Naturverbundenheit schätzen, habe ich Zitate aus den vor Ort geführten Interviews eingebaut. Für diese Zitate habe ich bewusst eine handschriftlich wirkende Schrift gewählt. Dadurch wird auf den ersten Blick deutlich, dass es sich um persönliche Gedanken realer Menschen handelt und nicht um einen gewöhnlichen Fließtext.

Umfrage-Diagramm: Ins Fanzine ist außerdem ein Diagramm aus einer Online-Umfrage eingeflossen, die wir im Kurs erstellt hatten. Gefragt wurde, welche Art von öffentlich zugänglichen Orten sich die Befragten künftig mehr in Berlin wünschen würden. Wilde, unberührte Natur in der Stadt gehörte dabei zu den wichtigsten Antwortmöglichkeiten. Dieses Ergebnis hat meine Idee von einem Wunsch nach naturnahen Räumen für Rückzug und Erholung zusätzlich bestätigt.

Zukunftsvision mit KI-Bildern: Für den Teil des Fanzines, der sich mit einer möglichen Zukunft des Friedhofs beschäftigt, habe ich zusätzlich Bilder mit Adobe Firefly erstellt. Das hat mir geholfen, die eher abstrakten Ideen aus den Übungen zur Zukunft visuell greifbar zu machen, statt sie nur in Textform zu beschreiben.

Druck und Gestaltung: Gedruckt haben wir die Fanzines mit einem Riso-Drucker. Bei der Farbwahl habe ich mich für Grün entschieden, weil es für mich stark mit Natur und Pflanzen verbunden ist. Als zweite Farbe habe ich Rosa gewählt, um dem Fanzine etwas mehr Helligkeit und Positivität für einen Ort wie diesen zu geben.

Prozess

Zine

Lesereise

Reflexion und Potenzial

Insgesamt bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Es war für mich neu, so viel unterschiedliches Material, Fotos, Interviewzitate, Umfragedaten und eine Zukunftserzählung, auf so wenigen Seiten unterzubringen und dabei trotzdem ein stimmiges und optisch ansprechendes Gesamtbild zu schaffen.

Besonders wertvoll für mich war es, zum ersten Mal wirklich mit einem Riso-Drucker zu arbeiten. Auch die Lesereise war ein sehr schönes und persönliches Ende des Projekts. Es war schön, noch einmal an die verschiedenen Orte zurückzukehren und die Inhalte der Fanzines der anderen Teilnehmer*innen zu hören, nachdem wir selbst im Laufe des Projekts vieles neu betrachtet und überdacht hatten.

Wenn ich weiter am Fanzine arbeiten würde, würde ich gerne noch mehr mit dem Riso-Drucker experimentieren, zum Beispiel mit einer dritten Farbe, um dem Fanzine optisch noch mehr Tiefe zu geben.

Auch inhaltlich sehe ich noch viel Potenzial. Ich würde gerne weitere Friedhöfe besuchen und dort mit mehr Menschen sprechen, um noch mehr Perspektiven zu sammeln. Einige der Ideen aus der Zukunftsvision, etwa der Briefkasten am Baum, über den man Gedanken an verstorbene Menschen oder an die Natur „senden“ kann, sind eigentlich gar nicht so schwer umsetzbar. Ich würde mir wünschen, dass Friedhöfe in Zukunft interaktiver werden, damit mehr Menschen sie für sich als einen guten Ort für Naturverbundenheit entdecken.

Was wir als Gruppe gelernt haben: Ich hatte großes Glück mit meinem Team. In der Zusammenarbeit habe ich vor allem gemerkt, wie wichtig es ist, sich gegenseitig zu unterstützen und Fähigkeiten weiterzugeben, die man selbst noch nicht hat. Paula zum Beispiel kannte sich mit dem Riso-Drucker schon gut aus und hat uns dabei sehr geholfen.

Was ich persönlich gelernt habe:  Durch die Referate der anderen Gruppen war es schön, sich intensiver mit den verschiedenen Formen von Liebe auseinanderzusetzen, mit der Liebe zur Natur, zu sich selbst, zu Freund*innen, zur Familie und zu den Menschen, die uns umgeben. Rückblickend kann ich sagen, dass dieses Projekt für mich auch auf einer persönlichen, fast psychologischen Ebene sehr bereichernd war. Besonders gefallen haben mir außerdem die verschiedenen kreativen Übungen im Kurs, von denen ich einige sicher in meine zukünftigen kreativen Prozesse mitnehmen werde. Eine besondere Herausforderung waren für mich die Interviews selbst. Als eher introvertierter Mensch musste ich mich zunächst überwinden, diese Gespräche zu beginnen. Mit der Zeit fiel es mir jedoch deutlich leichter, und ich habe jetzt ein besseres Gefühl dafür, wie man solche Gespräche vorbereitet und den richtigen Ton findet.

Quellen

- Eigene Interviews auf dem Friedhof

- Kursmaterial Urban LoveScapes – Topologien eines zukünftigen Miteinanders

- Erich Fromm: Die Kunst des Liebens

- Kowarik, I. et al. (Hrsg., 2016) – Sammelband mit einem eigenen Kapitel zu Effekten von Natur auf die (psychische) Gesundheit [genauer Titel, Verlag und Kapitelautor*innen ergänzen]

- Forschung zu Biophilie und Nature Connectedness (u. a. Richardson et al.)

- Literatur-, Bild- und Internetquellen (siehe Quellen- und Bildverzeichnis im Fanzine)