CLAIM THE WALL

Um unmittelbar ins Gestalten einzusteigen, begann das Seminar mit einem Plakatworkshop bei Sascia Reibel vom Shortnotice Studio. In kurzen, bewusst gesetzten Zeitfenstern entstanden erste Entwürfe unter strengen gestalterischen Beschränkungen: Geometrische Grundformen und eine vorgegebene Textebene durften innerhalb von fünf Minuten ausschließlich durch Anordnung, Transparenz und Skalierung verändert werden. Die Reduktion der Mittel schärfte dabei den Blick für das Wesentliche – und machte sichtbar, wie viel bereits in wenigen Entscheidungen steckt.

Im Anschluss wurden die entstandenen Entwürfe weiterbearbeitet, verschoben, verdichtet und schließlich zu einem finalen Plakat zusammengeführt. Was zunächst als schnelle Übung begann, wurde so zu einem Prozess des Auswählens und Weiterdenkens.

Der Workshop hat nicht nur viel Freude gemacht, sondern auch einen guten Ton für den Beginn des Seminars gesetzt. Sascias Eindrücke und Ratschläge waren unmittelbar, präzise und auf eine angenehme Weise erdend. Gerade der direkte Einstieg ins Machen, noch bevor sich Ideen zu sehr festsetzen konnten, war motivierend und hat den Blick für die kommenden Aufgaben geöffnet.

/1 Konzeptphase

In der Konzeptphase ließ ich zunächst bewusst viele unterschiedliche Ideen zu, ohne sie vorschnell auf eine Richtung festzulegen. Eine der ersten Überlegungen war, das Plakat wie eine Wand zu behandeln. Dabei wollte ich verschiedene analoge Techniken miteinander verbinden und die entstandenen Spuren anschließend digital weiterverarbeiten.

Eine besondere Rolle spielte dabei die Ästhetik von Feuerlöscher-Graffitis: ihre rohe, unmittelbare Erscheinung, die zufälligen Verläufe und die Spannung zwischen Kontrolle und Zufall. Diese visuelle Sprache wurde zu einem wichtigen Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung des Konzepts.

Irgendwann entstand die Idee, das Plakat selbst als übergroßen Stickerbogen zu denken. Alle Elemente sollten dabei als einzelne Sticker erscheinen, unterschiedliche Motive, Formen und Informationen, die sich auf der Fläche verteilen und miteinander in Beziehung treten. Die Idee bot zunächst eine spielerische Möglichkeit, das Plakat als Sammlung einzelner Elemente zu begreifen.

Bei genauerer Betrachtung blieb sie jedoch zu nah an einer bereits bekannten visuellen Sprache. Der Ansatz funktionierte, überraschte aber nicht genug und entwickelte nicht die Eigenständigkeit, die das Konzept letztlich brauchte. So wurde die Idee relativ schnell wieder verworfen und machte Platz für weitere Versuche.

Im Halbschlaf kam mir eines Abends plötzlich die Idee eines überdimensionalen, verzogenen MacBooks. Woher sie kam und vor allem, wofür sie eigentlich gut sein sollte, war zunächst völlig unklar. Trotzdem blieb das Bild hängen. Aus dieser zunächst etwas absurden Eingebung entwickelte sich nach und nach die Grundlage für meine finale Idee.

Durch langes Weiterarbeiten, Verwerfen und erneutes Ansetzen sowie einige Feedbackschleifen mit Susanne nahm der Entwurf schließlich immer konkretere Formen an. Was als ziemlich ziellose Idee begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einem Plakat, mit dem ich am Ende sehr zufrieden war.

/2 Umsetzung

Das Gefühl von Überforderung, Überreizung und einer stetigen Dauerbelastung vor den Endabgaben und der jährlichen Werkschau bildet den Ausgangspunkt meiner letztendlichen Idee und des finalen Plakats. Es ist ein Zustand, den vermutlich viele von uns aus den letzten Wochen eines Semesters kennen: Der Laptopbildschirm scheint plötzlich viel zu klein für all das, was gleichzeitig passieren muss. Unzählige Tabs und Programmfenster sind geöffnet, Dateien stapeln sich, der Prozessor arbeitet am Limit und irgendwann droht das gesamte System zu überhitzen.

Was auf dem Bildschirm passiert, wird dabei zum Sinnbild für das, was sich gleichzeitig im eigenen Kopf abspielt. Der Laptop wird deshalb selbst Teil dieser Überforderung: Sein Bildschirm zieht sich unnatürlich in die Länge und sprengt damit seine eigentliche Form. Die Gestaltung überträgt die digitale Überlastung auf das Objekt und macht sie physisch sichtbar. Um diesen Überlastungszustand noch physischer zu machen, überschreitet der Laptop die Dimension der Din Formate und verlängert das A1 Größe um 20cm.

Trotz der zugrunde liegenden Erschöpfung ist das Plakat jedoch nicht ausschließlich als ernstes Abbild dieses Zustands gedacht. Die Übertreibung, die verzerrte Form und die visuelle Dichte tragen bewusst ein Augenzwinkern in sich.

Hauptplakat

Da man auf Partys am besten breit ist, ist auch für das Partyplakat der Laptop in die Breite gezogen :-I

Partyplakat

Die Orientierung an den Programmfenstern der Adobe Suite und an der Ästhetik von macOS eröffnete mir zahlreiche Möglichkeiten, die Gestaltung über das Plakat hinaus auf weitere Formate und Medien zu übertragen. Die vertraute digitale Umgebung wurde dabei selbst zum gestalterischen Material und schuf einen Rahmen, in dem ich spielerisch und relativ frei mit Formen, Bewegungen und Übergängen experimentieren konnte.

Besonders deutlich wird das in den Animationen für die Werkschau und die Werkschau-Party. Die statischen Elemente des Plakats konnten hier in Bewegung versetzt und ihre Überladung noch einmal auf eine andere Weise erfahrbar gemacht werden. Die dabei entstandenen Animationen verdanken sich nicht zuletzt dem Workshop bei Lewin, der mir die nötigen Grundlagen in After Effects vermittelt und damit den technischen Raum für diese Experimente geöffnet hat.

Raumplan

Fassade Haus D

Postkarten

Stickerbogen ;-)

/Reflexion

Der Kurs war für mich in vielerlei Hinsicht ein Schritt in unbekanntes Terrain. In der Zeit davor hatte ich mich vor allem über experimentelle Prozesse und freie Gestaltung an einzelne Arbeiten herangetastet. Die meisten dieser Arbeiten standen für sich und mussten sich keinem übergeordneten System unterordnen. Mit dem Plakat kehrte ich nun zu einem Medium zurück, das zwar klassisch, für mich aber gerade deshalb neu zu denken war. Zum ersten Mal seit längerer Zeit ging es nicht nur um ein einzelnes Werk, sondern darum, aus einer Idee eine zusammenhängende visuelle Sprache zu entwickeln, die über verschiedene Formate und Anwendungen hinweg funktionieren kann.

Nicht jeder Schritt fiel mir dabei sofort leicht. Manche Medien und Techniken verlangten mehr Geduld als andere und zwangen mich dazu, vertraute gestalterische Wege zu verlassen. Gerade darin lag für mich aber ein wichtiger Teil des Kurses. Ich habe das Gefühl, meinen eigenen gestalterischen Ausdruck inzwischen zumindest in Ansätzen gefunden zu haben. Umso wichtiger erscheint es mir, ihn nicht als festen Stil zu begreifen, sondern immer wieder infrage zu stellen und neue Wege zuzulassen. Zu wissen, was einem liegt, darf schließlich kein Grund dafür sein, immer dasselbe zu machen.

Durch Susannes Ermutigung, die Gespräche und das stetige Feedback meiner Kommiliton*innen wurde dieser Prozess immer wieder in Bewegung gebracht. An manchen Stellen hat mich das Ergebnis meiner eigenen Arbeit tatsächlich selbst überrascht und genau diese Momente empfinde ich als besonders wertvoll.

Insgesamt kann ich den Kurs deshalb nur wärmstens empfehlen. Besonders bereichernd fand ich die unterschiedlichen Perspektiven, die durch die Beteiligung verschiedener Gestalter*innen zusammenkamen. Die beiden Workshops, unter anderem mit Sascia, haben nicht nur konkrete gestalterische Impulse gegeben, sondern vor allem Lust darauf gemacht, weiterzumachen, auszuprobieren und sich auch einmal auf Umwege einzulassen. Diese Offenheit und der Wechsel zwischen unterschiedlichen Blickwinkeln sind für mich etwas, das unbedingt Teil des Kurses bleiben sollte.