ABSEITS VOM LEBEN

„Abseits vom Leben“ ist eine Sammlung kritischer Stimmen von und für Menschen, die Schule als grenzüberschreitend erlebt haben. Sie erläutert aus vielen Perspektiven, wie Schüler und Schülerinnen sich in ihrer Schulzeit eher vom Leben zu entfernen scheinen, als sich ihm anzunähern und warum ein Wandel für unser deutsches Schulsystem dringend notwendig ist. Das Buch umfasst

Erfahrungen und Geschichten

Lyrik

Chatverläufe

Experten-Meinungen

Songtexte

Interviews

PROZESS

IRGENDWO ABGEBOGEN | Konzept-Entwicklung

Kursrahmen

Das Buch ist im Rahmen des Grundkurses „Buch und Narration“, bei Susanne Stahl und Lea Giesecke entstanden. Der Kurs arbeitete in Kooperation mit dem Mitte-Museum in Berlin zusammen, das uns Einsicht in verschiedene Akten ermöglichte. Die eigentliche Projekt-Aufgabe bestand darin, zwischen zwei Sammlungen zu wählen und jene als Grundlagen-Material für unsere Publikation zu verwenden. Zur Auswahl standen die Abräum-Akten der Trümmern des zweiten Weltkrieges und die Gründung der ersten Reformschule im Wedding.

Etwas abgebogen

Da ich selbst für 4 Jahre auf eine Montessori-Schule gegangen bin und nicht gerade mit unserem aktuellen Schulsystem befreundet bin, fand ich den Gedanken spannend, mich mit den Reformschul-Akten auseinanderzusetzen. Leider fand ich das Material für sich dann doch schnell eher langweilig und vor allem ziemlich chaotisch und zusammenhangslos. Für eine gelungene Narration war also eh viel inhaltliche journalistische Arbeit gefragt, um einen roten Faden erarbeiten zu können. Statt weiter zu der Schule im Wedding zu recherchieren, fand ich neue Motivation in der Idee, meine Kontakte, zu einer Menge ehemaliger Montessori-Schulkinder, Zapel-Phillips und Stören-Friedas zu nutzen. Parallel fielen mir viele Song-Texte ein, die das Schulsystem aufgreifen.

In meiner Entwurfspräsentation stellte ich mein erstes Konzept, von einer Gegenüberstellung der heutigen Zeit, zu dem Akten-Material von Berlins erster Reformschule, vor.

Mir fiel immer mehr Text-Material von unglücklichen Schülern und Schülerinnen und von skeptischen Psychologen und Bildungsforschern in die Hände. Manche Freunde hatten Lust einen eigenen Text für das Projekt zu schreiben und es entwickelte sich nach und nach eine Art Anthologie.

Voll am Ziel vorbei

In der Abschluss-Präsentation war Bruno Stephans Stimme aus den Akten dann plötzlich nur noch eine Stimme, vieler Stimmen in einer Stimmen-Sammlung. Wenn ich ehrlich sein soll, ist alles, was in meinem finalen Buch von der Akte übrig geblieben ist, der Junge auf dem Cover der seine Faust in die Lüfte streckt.

Platt ausgedrückt, hab ich den Auftrag aus dem Auftrag geschmissen. Ich hab immer die leise Stimme im Hinterkopf, die sagt, wäre das in der Arbeitswelt der Auftrag eines Auftraggebers gewesen, wär das eine Katastrophe a la unprofessionelle Arbeit. Aber es ist mein Studium, in dem ich alle Freiheiten die ich bekomme, nutzen will, für mich herauszufinden, was mich am meisten bewegt, wo meine Motivation am meisten wächst, wo mir meine Arbeit am leichtesten von der Hand geht usw.

Der Weg dieses Projekts, hat eigentlich perfekt den Inhalt seines Buches gespiegelt, worin sich immer wieder der Hinweis finden lässt, dass man am effektivsten und nachhaltigsten lernt, wenn man Räume bekommt, in denen man seiner authentischen Neugier folgen darf. Ich bin sehr dankbar, von Susanne innerhalb dieses Kurses, diesen Freiraum gestellt bekommen zu haben.

GESTALTERISCHE ELEMENTE

Keine Fotos oder Bilder

Ich habe mich gegen Fotos oder Bilder entschieden, da die Stimmen für sich stehen sollten. Das einzige was für mich in Frage gekommen wäre, wären gute ästhetische Porträt-Fotos in Schwarz-Weiß, zusätzlich zu den handgeschriebenen Namen. Aber das war entsprechend der Zeit und dass ich nicht alle Menschen persönlich kannte, nicht umsetzbar.

Stattdessen habe ich mir ein Konzept überlegt, das trotzdem visuell die Spannung aufrecht erhalten und das persönliche und ehrliche, das einen Großteil der Texte ausmacht, unterstreichen soll:

Schriften

Durch das gesamte Buch zieht sich eine rote persönliche Handschrift, die ausgewählte Schlüsselworte, -Sätze und -Absätze verstärkt.

Sie bewegt sich über die Seiten und wird dabei mal leiser und mal ganz laut, in dem sie manchmal nur ein kleines Schlüsselwort oder eine Zahl markiert und manchmal die gesamte Doppelseite mit einer wütenden und provokanten Aufforderung überkritzelt. Die rote Handschrift dient demnach auch als illustratives Mittel in dem sonst Bilder-Freien Buch und ist Vermittler der Stimmung der jeweiligen Seite. Zudem kündigt sie den Namen des Menschen an, dem die abgedruckte Stimme gehört.

Ich habe die Texte in zwei grobe Gruppen unterteilt und ihnen, für etwas Abwechslung und Dynamik, jeweils einen anderen Font gewidmet:

Lyrische Texte ( Song-Texte, Gedichte, kreatives Schreiben ) :

Prestige Elite Std   | von Howard Kettler

Sachlichere Texte (Erfahrungsberichte, Experten-Einschätzungen, Interviews) :

Times New Roman  | von Stanley Morison, i.Z. mit Victor Lardent

Umschlag und Bindung

Ich habe mich für eine Klebebindung, in Form einer Schweizer Broschur mit Einschlagklappe, entschieden.

Das Design des Covers, enthält die interaktive Idee, dass sich ein Zitat aus dem Buch um den gesamten Umschlag legt. Du musst also das Buch und auch seine Innenklappe einmal komplett aufschlagen, um aus den einzelnen gekritzelten Worten, ein reißerisches Statement zu machen. Das Bild der zwei Jungs, hat den schönen und passenden Hintergrund, dass es aus den Akten des Mitte-Museums, zur ersten Reformschule im Wedding Berlins, stammt. ( Und für mich persönlich eine kleine Erinnerung an den Ausgangs-Punkt der Entstehung dieses Buches.)

Der offene innere Buchrücken ist mit rotem Buchleinen überzogen, den ich analog mit dem Titel bedruckt habe. Die Schriftgröße ist dabei so groß gewählt, dass der Titel sich sozusagen um den Buchrücken herum legt (siehe Foto). Dadurch bildet sich eine kleine Treppe aus Text, denn direkt darunter, auf der Innenseite des äußeren Buchrückens, lässt sich ein erstes „provokantes“ Zitat lesen, das Lust aufs los-lesen machen soll. Das Rot auf der Innenseite des Umschlags greift die Farbe, der sich durch das Buch ziehenden Handschrift, auf.

FRUSTRATION AUS DENKFEHLERN

Ich stand vier Tage hintereinander in Leas Werkstatt zum verabredeten Binden, mit der von Mal zu Mal unangenehmer werdenden Kunde, 

WIEDER nicht Drucken und damit 

WIEDER nicht Binden zu können, weil 

WIEDER irgendetwas nicht nach Plan gelaufen ist.

Man könnte auch, ohne dabei zu übertreiben, sagen, es ist eigentlich garnichts nach Plan gelaufen. Da ich fast jeden Schritt, hin zu diesem Buch, zum ersten Mal gemacht habe, hatten meine Vorstellungen und deren Umsetzungen wenig gemeinsam - angefangen damit, dass jeder kleine Step 3 Tage länger brauchte, als erwartet. Durch das konstante Ausbleiben kleiner Erfolgsmomente, innerhalb des Prozesses, wuchs leider meine Frustration enorm heran. Es fühlte sich ein Bisschen so an, als würde ich all meine Bemühungen, meine Freizeit und zum Ende hin selbst meinen Schlaf in ein schwarzes Loch werfen, ohne in Relation einen ansatzweise effizienten Output darin erkennen zu können.

Ich habe Stunden lang in der Letterpress analog Hintergründe gedruckt (Fotos oben 1, 4, 5), auf die ich anschließend die finalen Fließtexte drucken wollte, um am Ende festzustellen, dass ich nicht, wie final geplant, in der Uni drucken kann, sondern doch in einer Druckerei drucken lassen muss, wo meine vorbearbeiteten Papiere eher unerwünscht waren - Alle analogen Drucke für die Tonne und doppelte Papier-Kosten.

Ich habe, für den inneren Buchrücken, winzig kleine 8-Punkt-Lettern mit einer Pinzette per Hand gesetzt (Foto 3) und dann bemerkt, dass so kleine Buchstaben auf Buchleinen nicht lesbar drucken.

Ich habe die Buchrücken deutlich zu breit geschätzt und demnach die Buchleinen-Streifen viel zu groß bedruckt, weil ich im Schlafmangel, in Blättern statt in Seiten gedacht und vergessen hab, dass ich die Papiere ja beidseitig bedrucke  - demnach war mein Buch halb so dick, wie die gedruckte Aufschrift auf dem Buchleinen.

Ich habe, für die Handschrift, das erste mal mit Procreate gearbeitet und durch das Vergessen, Ebenen anzulegen, immer wieder bereits gemachte Arbeit von vorn machen müssen.

Ich habe mich mehrfach mit dem Drucker gezankt, weil er meine angelegten Ränder aufgefressen hat oder auch GARnicht drucken wollte.  

Ich habe, wegen der bisherigen Druck-Schwierigkeiten, beim Cover cleverer sein wollen und hab dieses bei Paul Berzl in der Druck-Werkstatt drucken lassen, habe jedoch nicht daran gedacht, dass ich den Rot-Ton der Handschrift - gemäß der Pink-Stich-Neigung unseres Uni-Druckers - zum Ausgleich etwas braun-stichiger angelegt habe. Das ergab, bei den  Werkstatt-Druckern eine präzise braune Handschrift auf dem Cover, anders als die knallrote Handschrift im Buch-Inneren. Da Paul dann los musste, stand ich am Ende also wieder vor dem Uni-Drucker der erneut einen Streit mit mir anfing.

Ich habe, als ich die vier, noch mit Gase zusammengebundenen, Bücher voneinander trennen wollte, mit dem Buch-Messer in eins meiner vier frisch gebundenen Bücher hineingeschnitten.

usw.

DAS FINALE ERGEBNIS

Cover / Bindung

Inhalt | Beispiel-Seiten

Die bearbeiteten Bilder der Beispiel-Seiten folgen zeitnah!!

REFLEXION

ZU EMOTIONAL UND DRAMATISCH?

Ich habe mich oft - insbesondere beim Schreiben meines Vorworts und dem Design des Covers - gefragt, ob mir das Buch nicht ein wenig zu dramatisch gerät. 

Doch da ich während der Recherche-Arbeit und dem Austausch mit meinen Mitmenschen, permanenten Zuspruch dafür geerntet habe, dass ich bei weitem nicht die Einzige bin, die extrem ausgebrannt und  überfordert, statt vorbereitet und mir meiner selbst bewusst, von der Schule ins Leben entlassen wurde, wollte ich meine Frustration darüber nicht beschönigen.

Ich mag es, mich an intime Arbeiten zu wagen, auch wenn ich mich dadurch am Ende immer etwas verletzlicher fühle, das Ergebnis zu präsentieren.  

Ich übe mich darin authentischer zu sein und wünsche mir eine Welt in der Authentizität und ehrliches Mitteilen der Oberflächlichkeit den Platz klaut und ich möchte im Idealfall dem entsprechend arbeiten. Soweit mir dieses Studium die Freiheit dazu gibt, will ich diese auch nutzen. Ich fand es sehr wertvoll zu beobachten, dass ich durch ein Uni-Projekt, auf kreative Weise, eine Art psychische Aufarbeitung durchleben konnte. Durch das Revue passieren lassen meiner Schulzeit, den Austausch darüber und die Recherche habe ich viel neues Selbstvertrauen gewonnen, dass meine Gefühle, in Bezug auf das Schulsystem, gerechtfertigt sind und ich keinesfalls allein damit da steh. Mir ist das Ausmaß nochmal viel bewusster geworden, wie viel Macht ein gutes Schulsystem hätte, eine glücklichere, Lösungsorientiertere und sich selbst bewusstere Gesellschaft mitzuformen. 

Hierbei hat sich wiedereinmal bestätigt, dass ich am meisten Passion für Projekte entwickle, wenn ich meine zwei Leidenschaften - die kreative Gestaltung und die psychologische Auseinandersetzung mit unseren Gesellschaftlichen Strukturen - in einem Projekt vereinen und das eine für das andere einsetzen kann. Ich freue mich, dass ich an der FH:P immerwieder frei bin, das weiter für mich zu entdecken und Projekte umzusetzen, die mir auch inhaltlich was bedeuten und das ich hinter dem Inhalt stehe, den ich gestalte - Dann ist meine Freude an Kreativem Arbeiten am größten. Auf der anderen Seite übernehme ich mich dadurch auch schnell mal:

PRIORITÄTEN-SALAT

Ich würde schon sagen, dass das Design darunter gelitten hat, dass ich soviel Priorität auf den Inhalt, seine Komposition und das Schreiben gesetzt habe. Ich freu mich am Ende eher über das Konzept des Buches, als über die einzelnen gelayouteten Seiten - ich hätte, angesichts des Zeitdrucks, gestalterisch stärker sein können, wenn ich nicht so viel Priorität auf den Inhalt gelegt hätte.  Dadurch habe ich die Intention des Kurses vielleicht ein wenig verfehlt.

Auch in Bezug auf den Stresspegel habe ich mich hin und wieder geärgert, dass ich nicht einfach beim Design geblieben bin. Für mich war in diesem Kurs, allein rein gestalterisch, so vieles neu und eigentlich wusste ich, dass das Projekt demnach auch so schon genug Aufwand und Zeit in Anspruch nehmen wird. 

Da ich mich wieder nicht zurück halten konnte, die Gelegenheit zu nutzen, etwas zu thematisieren was mir wichtig ist, haben sich meine Semesterferien ziemlich schnell in Luft aufgelöst.

Es ist ein Muster, das ich langsam in meinem Studienverlauf beobachten kann: Erst geht es darum, sich anhand eines Projekts gestalterische Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen und wenn ich frei darin bin, an welchem Thema ich das gerne tun würde, suche ich mir irgendwas, wozu ich endlos viel zu sagen und nachzudenken hab und plötzlich hab ich drei mal soviel Arbeit, weil ich mich zusätzlich zum Design auch inhaltlich auseinandersetzen muss. Je mehr mir das auf der Seele brennt, was ich gestalterisch ausdrücken will, desto mehr Ideen durchfluten meinen Kopf und desto mehr kommt mein Perfektionismus in fahrt.

Gleichzeitig will ich ja später auch am liebsten in Kontexten arbeiten, die ich wirklich unterstützen will und wo ich nicht nur gestalterisch sondern auch inhaltlich mitwirken kann (ich hab es z.B. geliebt, selbst für das Buch etwas zu schreiben). Ich bin mir sicher, wäre ich bei der rein gestalterischen Auseinandersetzung, mit dem Material zur ersten Reformschule im Wedding, geblieben, wäre mein Stolz dabei, das Buch nun Freunden und Familie in die Hand zu drücken, auch nur halb so groß. 

Ich brauche den aktivistischen Antrieb in meiner Arbeit für kreativen Flow, Motivation und das notwendige Durchhaltevermögen.

Allerdings muss ich dann definitiv lernen, mich besser zu strukturieren. Kaum Semesterferien zu haben und total erschöpft direkt in das nächste Semester zu starten, find ich weniger klasse.

SCHLUSSWORT

Das Projekt ist eigentlich ein Parade-Beispiel dessen, wovon ich, in dem Buch, über das Lernen geschrieben habe: Es braucht die erlebte Erfahrung, um gelerntes nachhaltig zu behalten. Die Fehler die mich, bei der Umsetzung dieses Buches, fast in den Wahnsinn getrieben haben, mache ich mit Sicherheit kein zweites mal! - weil die Erkenntnisse jetzt an emotionale Erlebnisse geknüpft sind. 

Jetzt, am Ende, setzt doch noch das Erfolgs-Gefühl ein und ich freue mich sehr, behaupten zu können, dass ich meine erste kleine eigene Auflage –von der Konzept-Entwicklung, über die Recherche, das Layout, das Schreiben eines ersten eigenen Vorworts, die Material-Auswahl, die Druckplanung, bis hin zum Binden – komplett selbst produziert habe.

Ich möchte mich für Leas endlose Geduld in der Buchwerkstatt bedanken, für Susannes bereichernden Input und für den Freiraum, mich etwas an der Aufgabe vorbei schummeln zu dürfen, um an etwas zu arbeiten, das mich wirklich beschäftigt :)