Einleitung
Der Klimawandel ist längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr, sondern Teil unseres Alltags. Häufig wird dabei die Verantwortung auf einzelne Menschen verlagert: Wir sollen bewusster konsumieren, weniger fliegen, anders essen. Gleichzeitig zeigt die Forschung sehr klar, dass individuelle Entscheidungen allein nicht ausreichen, um die notwendigen Emissionsreduktionen zu erreichen. Der größte Hebel liegt in politischen Rahmenbedingungen, die nachhaltiges Handeln erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen. In diesem Vortrag geht es deshalb um beides: darum, welchen Beitrag individuelles Verhalten tatsächlich leisten kann – und welche politischen Entscheidungen notwendig sind, um eine systemische Veränderung voranzutreiben.
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Auswirkungen individueller Konsumentscheidungen auf das Klima
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2025 lag die pro Kopf Emission in Deutschland bei durchschnittlich 10,4 Tonnen CO2-Äquivalente (CO₂e).
CO₂-Äquivalente sind alle Gase, die für den menschengemachten Klimawandel relevant sind. Die Angabe in Äquivalenten berücksichtigt, dass Treibhausgase, wie Methan oder Lachgas zwar einen geringeren Atmosphärenanteil aufweisen, jedoch um ein Vielfaches klimawirksamer sind als CO₂. Methan ist 28-mal so klimawirksam wie CO₂ und Lachgas ist sogar 300-mal so klimawirksam wie CO₂.
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Im Folgenden gehe ich auf die Punkte Mobilität (19% des jährlichen Fußabdrucks), Ernährung (15% des jährlichen Fußabdrucks) und auf den Sonstigen Konsum (28% des jährlichen Fußabdrucks) ein.
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Da sich der Vortrag im Uni-Kontext abspielte und Studierende größtenteils zur Miete wohnen, gehe ich nicht auf den Aspekt wohnen ein, da der Handlungsspielraum hier lediglich für Wohneigentümer:innen relevant ist.
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Eine männliche Person im Alter von 30 – 59 Jahren, die gelegentlich regionale, tiefgekühlte, saisonale und Bio-Produkte konsumiert, hat bei einer fleischbasierten Ernährung einen jährlichen CO₂-Ausstoß von 1.730 kg CO₂. Das veröffentlichte das Umweltbundesamt im Januar 2020. Der Grund dafür ist der hohe Ausstoß an Methangasen in der Tierhaltung. Dazu kommt, dass Futteranbau, Haltung und die generelle Versorgung der Tiere viele Ressourcen verbrauchen.
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Wird auf Fleisch verzichtet, sinkt der Emissionswert merklich auf 1.280 kg CO₂. Am geringsten ist er bei einer rein pflanzlichen Ernährung, was nicht nur die Umwelt und das Klima freut sondern auch die Tiere. (:
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Angabe in: g CO₂e / Personen km
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Die Abbildung des Umweltbundesamts zeigt, dass sich der ÖPNV deutlich in seiner Emission von PKW und Flugzeug abgrenzt. Lediglich der Linienbus im Nahverkehr ist etwas höher im Ausstoß von CO₂e.
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Am effizientesten ist die Fahrt mit dem Zug im Fernverkehr mit gerade mal 26 g/Pkm. Insbesondere im Vergleich mit dem Inlandsflug mit einem CO₂e-Ausstoß von 290 g/Pkm (mehr als 11-mal so viel), überlegt man dann doch lieber zwei Mal, welches Verkehrsmittel man wählt.
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Das österreichische Umweltbundesamt veranschaulicht das Ganze nochmal etwas besser anhand von Beispiel-Trips. Ihren Berechnungen zufolge ist eine Reise von Berlin nach Wien (One-Way-Trip) mit dem Flugzeug sogar 24-mal so klimaschädlich, wie die selbe Reise mit dem Zug. Selbst die Autofahrt ist zwar deutlich emissionsärmer als der Flug nach Wien, hat aber immer noch einen Emissionswert von 145,4 kg CO₂e.
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In Sachen Klimafreundlichkeit ist der Zug als Reisemittel klarer Gewinner.
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Möchte man klimafreundlich leben, gibt es im Netz eine erschlagende Menge an Tipps, die alle befolgt werden müssen, um ein:e „echte/-r“ Klimaschützer:in zu sein. Ein Artikel schreibt über Eltern, die alle Plastik-Brotdosen ihrer Kinder entsorgt haben und das Essen seitdem in leeren Marmeladengläsern mitgeben, ein Video zeigt wie eine Frau es schafft nur wenige Gramm Plastikmüll im Jahr zu produzieren, ein Insta-Post fordert dazu auf, die Wäsche von nun an nur noch kalt zu waschen und im Supermarkt bekommt man ein schlechtes Gewissen, wenn doch mal Erdbeeren im Korb landen, obwohl doch gerade gar nicht Saison ist.
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So viel beachten zu müssen, kann erschlagend sein, weshalb das Bundesumweltministerium regelmäßig die „Big Points“ veröffentlicht, mit denen der eigene CO₂-Fußabdruck halbiert werden kann. Denn sich auf wenige, aber dafür ausschlaggebende Punkt zu konzentrieren ist übersichtlicher und effektiver.
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Auch wenn nicht jede Person, Einfluss auf all die empfohlenen Punkte nehmen kann, weil sie zum Beispiel zur Miete wohnt und deswegen weder den Wohnraum neu dämmen kann, noch eine Wärmepumpe einbauen, bleibt der Handlungsspielraum groß.
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Was hier außerdem nicht mit aufgelistet ist, ist der „Sonstige Konsum“, der immerhin 28 % des CO₂e-Ausstoßes einer Person im Jahr ausmacht. Zum Sonstigen Konsum zählen unter anderem die Dauer der Nutzung elektronischer Geräte, als auch Kleidung, die wir kaufen. Nutzt man ein Smartphone beispielsweise 5 Jahre lang statt den durchschnittlichen 2,5 Jahren, werden 50kg CO₂e pro Jahr gespart. Auch Second Hand kaufen ist klimafreundlicher. So erhöht sich der eigene Fußabdruck beim Kauf einer neuen Winterjacke um ganze 40 kg CO₂e, während die gleiche Jacke gebraucht durchschnittlich nur 0,6 kg CO₂e verursacht.
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Auswirkungen politischer Maßnahmen auf das Klima
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Damit der Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft gelingen kann sind sowohl Politik als auch Konsument:innen gefragt. Was stattdessen gerne passiert ist eine Art „Verantwortungs-Ping-Pong“, wobei jede Partei versucht die Schuld bei den anderen zu suchen, um selber keine Verantwortung übernehmen zu müssen.
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Wie ein gelungenes Wechselspiel zwischen Politik, Unternehmen und Konsument:innen aussehen kann, wird anhand der zwei folgenden Szenarien deutlich:
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Mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine stiegen die Energiepreise und Inflationsraten, worauf die Bundesregierung mit Entlastungspaketen reagierte. Teil des Entlastungspakets Ⅱ war das 9-Euro-Ticket, das von Juni bis August 2022 die deutschlandweite Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln für 9 Euro im Monat ermöglichte.
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Normalerweise ist die Ticketpreisbildung aufgrund der Vielzahl an unterschiedlicher Verkehrsverbände schwierig und mit langen Prozessen verbunden. Da das 9-Euro-Ticket aber eine Entscheidung auf politischer Ebene war, wurde sich hier über diese Prozesse hinweggesetzt.
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Das Ticket erlangte sofort große Beliebtheit, was die 52 Mio. verkauften Tickets innerhalb der drei Monate des Aktionszeitraumes deutlich machen. Zudem verzichteten 10 % der Nutzer:innen durch den Kauf auf mindestens eine PKW-Fahrt pro Tag. Das Ergebnis: rund 1,8 Mio. Tonnen CO₂ konnten innerhalb des Aktionszeitraums eingespart werden.
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Schnell war klar, es braucht einen Nachfolger (keine andere Maßnahme der Entlastungspakete erzielte eine ähnliche Dynamik). Und den gab es dann auch. Im Mai 2023 trat das Deutschland-Ticket in Kraft. Auch wenn es deutlich teurer ist als das 9-Euro-Ticket und damit weniger genutzt wird als sein Vorgänger, erzielt es dennoch monatliche Einsparungen von rund 120.000 Tonnen CO₂ und ist damit ein großer Schritt in die richtige Richtung.
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Ende der 1990er Jahre wurde die EU-Energieverbrauchs-Kennzeichnung (kurz: EU-Label) eingeführt. Sie teilte fortan Haushaltsgeräte in Energieklassen von A bis G ein. Die Einführung dieser Kennzeichnung war eine wichtige Rahmenbedingung zur Steigerung der Energieeffizienz gekennzeichneter Produkte. Durch den technischen Fortschritt fielen nach und nach immer mehr Produkte in die Energieklasse A, weshalb das EU-Label 2010 um die Klassen A+, A++ und A+++ ergänzt wurden.
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Durch das EU-Label und die Möglichkeit Haushaltsgeräte in ihrer Effizienz vergleichen zu können, stieg die Nachfrage der Verbraucher:innen nach möglichst effizienten Produkten fortwährende, und damit auch die Produktion. So lag der Marktanteil energieeffizienter Haushaltsgeräte 2008 bei 9 %, während er 2016 bei 78,2 % lag. Zudem geben 85% der europäischen Verbraucher:innen an das EU-Label zu kennen und in ihre Kaufentscheidung mit einfließen zu lassen.
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Da die Energieklassen B – G kaum noch bis gar nicht mehr gekauft wurden, sank auch das Angebot. Zeitgleich wurde die Vergleichbarkeit der Produkte schwieriger, da sich die meisten Geräte in den Klassen A+ bis A+++ bewegten.
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Aus diesen Gründen kam es 2021 zur Reform des EU-Labels. Energieeffizienzklassen bestehender Geräte wurden heruntergestuft und die ursprünglichen Klassen A–G wiederhergestellt. Vorherige Geräte mit Effizienzklasse A+ erhielten nun maximal Effizienzklasse B. Klasse A wurde anfangs sogar freigehalten, um Spielraum für Innovationen zu geben.
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Was ist das Ziel?
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Klar, wir haben in Deutschland unsere Emissionen seit 1990 fast halbiert. Aber das hat auch 35 Jahre gedauert. Und wir haben große Ziele. Bis 2030 wollen wir eine Reduzierung um 65 %, bis 2040 sogar um 88 %, um dann 2045 die Netto-Treibhausgasneutralität zu erreichen. Das bedeutet, dass wir nicht mehr Treibhausgase ausstoßen, als die Erde aufnehmen kann. Und anschließend wollen wir noch einen Schritt weiter und bereits verursachte Emissionen kompensieren.
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Denn das ist der einzige Weg, um eine unkontrollierbare Klimaerwärmung zu verhindern.
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